Genoverband-Vorständin Katja Lewalter-Düssel über Wachstum und digitale Gemeinschaft
Shownotes
Die deutsche Wirtschaft dümpelt vor sich hin. Viele Unternehmen klagen über Unsicherheiten. Genossenschaftsbanken sind in diesen Zeiten ein verlässlicher Partner im Kreditgeschäft. Das zeigt sich auch konkret in Zahlen: Laut dem BVR ist das Kreditvolumen 2025 um 29 Milliarden Euro gewachsen. Gleichzeitig kennen nur knapp vier von zehn 16- bis 28-Jährigen überhaupt Genossenschaftsbanken und fast ein Viertel der Befragten hält Sparkassen für genossenschaftliche Institute.
Was heißt das denn für die Zukunftsfähigkeit dieses Modells, und wie merkt ein Kunde in einer digitalen Welt überhaupt noch, dass er Teil einer Gemeinschaft ist? Genau diese Fragen beantwortet Vorständin beim Genoverband e.V., Katja Lewalter-Düssel, im Gespräch mit Host Ares Abasi.
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Finanzrauschen - Folge 35 - Transkript
00:02Intro
Finanzrauschen, der Banking Podcast. Eine Produktion von DG Nexolution.
00:12Ares Abasi
Die deutsche Wirtschaft dümpelt vor sich hin. Viele Unternehmen klagen über Unsicherheiten. Genossenschaftsbanken sind in diesen Zeiten ein verlässlicher Partner im Kreditgeschäft. Das zeigt sich auch konkret in Zahlen: Laut BVR ist das Kreditvolumen 2025 um 29 Milliarden Euro gewachsen. Gleichzeitig kennen nur knapp vier von zehn 16- bis 28-Jährigen überhaupt Genossenschaftsbanken und fast ein Viertel der Befragten hält Sparkassen für genossenschaftliche Institute. Was heißt das denn für die Zukunftsfähigkeit dieses Modells, und wie merkt ein Kunde in einer digitalen Welt überhaupt noch, dass er Teil einer Gemeinschaft ist? Das alles klären wir heute mit Katja Lewalter-Düssel. Sie ist Wirtschaftsprüferin, Steuerberaterin und Diplombetriebswirtin. Seit September 2022 ist sie Vorständin beim Genoverband e.V. und unter anderem zuständig für die Prüfung und Betreuung der Kreditgenossenschaften. Sie verantwortet außerdem den Bereich Grundsatzfragen und Produktion Prüfung sowie das Geschäftsfeld Bildung und Hotels.
01:13Ares Abasi
Hallo Katja. Schön, dass du heute bei mir live und in Farbe in Wiesbaden bist, und das trotz Wind und Wetter. Ich hatte nämlich erst Angst, dass der Schnee einen Strich durch unsere Rechnung macht. Und für die Zuhörerinnen und Zuhörer da draußen, wir sitzen hier gerade mit einem Becher Kefir. Wir stoßen also nicht mit Sekt an, sondern mit Kefir. Schön, dass du da bist, Katja. Hi.
01:32Katja Lewalter-Düssel
Ja, vielen Dank für die Einladung, Ares. Und der Kefir war mein Wunsch. Danke schön.
01:36Ares Abasi
Ja, wir hatten uns darüber unterhalten, dass wir beide gerne Kefir trinken. Dann war das ja das perfekte Getränk für uns heute. Katja, damit wir dich ein bisschen besser kennenlernen, beschreibe uns doch gerne mal deine Arbeit als Prüfungsvorständin in vier Worten.
01:49Katja Lewalter-Düssel
Das ist natürlich schwer in vier Worten, aber ich würde zum einen auf jeden Fall sagen: extrem vielfältig. Einmal hinsichtlich der Themen. Es gibt ja so vieles regulatorisch Neues und auch rechtlich Neues, aber insbesondere auch hinsichtlich der Tages- und Wochenabläufe. Also, es ist kein Tag gleich, es ist keine Woche gleich. Und auf jeden Fall immer der Kontakt zu ganz, ganz unterschiedlichen Menschen, zu ganz, ganz tollen Mitgliedern, und das macht das auch aus. Ein zweiter Punkt, würde ich sagen, ist vertrauensvoll. Die Prüfung, das ist ja eine Vertrauensdienstleistung, die am Ende des Tages Sicherheit schafft, und Vertrauen schaffen, das ist so die Kernaufgabe von meinem Berufsstand. Ein weiterer Punkt, würde ich sagen, ist sicherlich reflektiert. Also, Prüfen heißt für mich auch ständiges Weiterentwickeln, sei es jetzt aus den Projekten, sei es aus Verlautbarungen oder Erkenntnissen, die wir haben, und vor allen Dingen – das ist mir besonders wichtig – aus dem Austausch mit unseren Mitgliedern, denn da gewinnt man so viele Impulse und Input für eben eine Reflexion. Und abschließend vielleicht noch ein Punkt, da würde ich sagen: zukunftsorientiert. Unsere Genossenschaften sind ja moderne, tragfähige Modelle, die sich immer weiterentwickeln, und so entwickelt sich auch unsere Prüfung weiter. Also, ich meine hier insbesondere die Punkte zu Datenanalysen, digitale Prozesse oder auch eine stärkere Governance. Und natürlich spielt auch die wirtschaftliche Betrachtung der Genossenschaften, immer mit Blick in die Zukunft, also im Blick nach vorne, eine ganz entscheidende Rolle.
03:21Ares Abasi
Stichwort wirtschaftliche Situation. Aktuell stagniert ja unsere Wirtschaft. Der BVR meldete für 2025 dennoch ein Wachstum des Kreditvolumens von 3,6 Prozent auf 826 Milliarden Euro. Wie erklärst du dir, dass das genossenschaftliche Geschäftsmodell in so schwierigen Zeiten liefern kann, und schlägt bei dir bei diesen Zahlen das Herz höher?
03:43Katja Lewalter-Düssel
Also, das Wachstum zeigt auf jeden Fall, dass unsere Kreditgenossenschaften auch in einem raueren Umfeld verlässlich finanzieren. Für mich ist das kein Zufall, sondern das ist ja Ausdruck unseres Modells. Und das kennzeichnet sich ja vor allem durch die Mitgliedschaft und durch die Nähe und insbesondere durch die Nähe zum Mittelstand. Die Genossenschaftsbanken sind ja auf die Förderung der Mitglieder ausgerichtet, sie sind regional verankert, und damit können dezentrale und schnelle Entscheidungen getroffen werden, und sie sind auch vor allen Dingen langfristig unterwegs. Und das alles stärkt die Beziehung und sorgt dafür, dass eben Kreditentscheidungen getroffen werden mit Substanz, und eben nicht auf kurzfristige Effekte gezielt wird. Und damit findet auch die Finanzierung dort statt, wo sie eben realwirtschaftlich Sinn ergibt und wo eben der Bedarf da ist. Und das ist dann auch der Fall, wenn jetzt hier die Makrodaten schwächeln. Ja, mit dem Herz, ob das bei mir höher schlägt: Also, grundsätzlich würde ich mal sagen, neigt ja ein Prüfer eher weniger zur Euphorie. Aber natürlich, das ist ein gutes Zeichen, ja. Es zeigt, dass Genossenschaft in der Fläche wirkt. Und gleichzeitig bleibe ich aber als Wirtschaftsprüferin neutral. Wir achten auf Qualität vor Volumen, auf tragfähige Risiken und auf robuste Prozesse. Und gerade, wenn ich jetzt mal den Blick nach 2026 hier richte, sagt ja der BVR auch, es ist eine moderate Konjunkturwende. Aber wir werden auch weiterhin Gegenwind sehen, und deswegen ist eine sehr sorgfältige Steuerung hier entscheidend. Also unterm Strich, wenn man es so sehen will: Wachstum ist schön, nachhaltiges und gesundes Wachstum ist besser. Und was mir noch insbesondere wichtig ist: Kredit ist ein Instrument der Wertschöpfung und definitiv nicht für Schlagzeilen.
05:33Ares Abasi
Ich habe noch mehr Zahlen für dich mitgebracht: Laut dem BVR ist die Zahl der Genossenschaftsbanken in Deutschland fusionsbedingt von 672 im Jahr '24 auf 646 per Ende '25 zurückgegangen. Zeigen diese Zahlen, dass Bündelung zu mehr Stärke führt?
05:51Katja Lewalter-Düssel
Also, kurz gesagt, ja. Wenn die Bündelung klug gemacht ist, dann ist sie eher ein Zeichen von Stärke als von Schwäche, denn sie hilft ja, Komplexität zu stemmen und auch Leistungen vor Ort zu sichern. Und diese Zahlen zeigen sich ja nicht nur im letzten Jahr, die zeigen sich ja schon über Jahre hinweg, dass es hier eben einen Strukturwandel gibt. Und wir fragen die Banken natürlich auch immer: Warum passiert das? Und es gibt zwei ganz, ganz zentrale Gründe, warum es immer mehr zu Zusammenschlüssen kommt, und einer ist der zunehmende Fachkräftemangel. Also, es betrifft vor allem kleinere Häuser, die eben schlichtweg nicht mehr genug Spezialisten finden. Und der zweite Punkt ist weiterhin das Thema Regulatorik. Die Anforderungen steigen, obwohl wir ja seit dem letzten Jahr auch deutlich in den Bemühungen dran sind, Regulatorik zu reduzieren, aber das sieht man ja momentan noch nicht. Und diese Regulatorik, die bindet Kapazitäten, und das ist bei den Banken ein ganz, ganz großer Grund, warum sie fusionieren. Und wenn wir jetzt darauf schauen, woran wir jetzt messen, wenn wir von außen gucken, ob eben Bündelung Stärke ist, dann sehen wir das ganz klar am Kundennutzen und an der Nähe. Die Fusionen, die sind dann gut, wenn sie Beratung, Produktbreite, IT-Sicherheit und auch die Risikosteuerung verbessern, ohne – und das ist jetzt ganz wichtig – diese regionale Sichtbarkeit zu verlieren. Und das gelingt auch, wenn eben große Einheiten mehrere Regionen bedienen. Die erhalten lokale Markenbilder, das sieht man oft so, und damit sind die Entscheidungen vor Ort weiterhin möglich. Also, zusammengefasst: Der Rückgang der Institute, das ist kein Alarmzeichen, sondern das ist ein steuerbarer Wandel, den wir hier sehen. Und die Stärke – das ist von Bedeutung – zeigt sich, wenn eben die Nähe bleibt und die Leistung auf der anderen Seite wächst.
07:40Ares Abasi
Du hattest ja gerade das Stichwort Sichtbarkeit genannt. Wie ich im Intro bereits erwähnte, zeigen Studien, dass nur knapp vier von zehn 16- bis 28-Jährigen Genossenschaftsbanken kennen und fast ein Viertel Sparkassen für genossenschaftliche Institute halten. Wenn junge Menschen den Unterschied faktisch nicht mehr kennen, was macht eine Genossenschaftsbank denn in Zukunft noch aus, und was sagt das über das Finanzwissen aus?
08:03Katja Lewalter-Düssel
Also, die Zahl ist sicherlich ein Weckruf. Wenn noch nicht mal mehr die Hälfte von den eben genannten 16- bis 28-Jährigen überhaupt wissen, dass es Genossenschaftsbanken gibt, und rund ein Viertel Sparkassen dann fälschlicherweise auch als genossenschaftlich einordnen, ist klar: Der USP ist nicht verstanden oder wird zu selten verstanden. Was uns in Zukunft ausmacht, das ist ja die Mitgliedschaft, statt eben nur eine Kundennummer zu sein. Ich bin in der Genossenschaft Miteigentümer mit einer Stimme und ich bin eben nicht nur Kontoinhaber. Und diese demokratische Verfassung und auch der Förderauftrag für die Mitglieder, das unterscheidet uns. Und das ist heute so und das ist auch morgen so. Und es ist auch wichtig, herauszustellen: Das ist kein Retro-Wert. Das ist ein modernes Versprechen eben dahin gehend, dass man mitgestalten kann, dass wir transparent sind, dass die Nähe zu der Region besteht. Und wenn wir junge Menschen abholen wollen, dann eben nicht mit Hochglanz oder falschen Versprechen, sondern entscheidend ist, dass sie eben sehen: Die Mitgliedschaft ist erlebbar. Das ist digital wichtig, das muss alltagstauglich sein, das müssen echte Vorteile sein, die eben die jungen Menschen spüren, und genau in die Richtung muss es sich auch entwickeln. Gleichzeitig sehen wir diese große Lernbereitschaft, dass wir eben auf die jungen Menschen zugehen und das machen wollen. Wir haben aber auch große Lücken, das muss man auch sehen. Denn wenn drei Viertel der Jugendlichen sagen, ich finde Finanzinfos wichtig, gleichzeitig aber auch dann sagen, in der Schule – und das sehe ich auch mit meinem Sohn – da wird da zu wenig gemacht, dann müssen die Genossenschaftsbanken darauf reagieren. Dann müssen sie Mitgliedschaft erklären, sichtbar machen, verständliche Finanzbildung auf Augenhöhe, statt eben nur Produkte zu verkaufen. Ich glaube, das ist die Herausforderung, und da muss man dran, dass man diese junge Zielgruppe eben auch abgreift.
09:56Ares Abasi
Dass man Teil einer Gemeinschaft ist in einer Genossenschaft, ist ja jetzt auch sehr schwer darzustellen bzw. herauszufinden, weil die Zeiten haben sich geändert, Menschen gehen viel weniger in ihre Bankfiliale als früher, und die Hauptkontaktpunkte sind nun eher App, Chat oder Video-Beratung. Wie merkt denn ein Kunde in fünf Jahren dennoch, dass er Teil einer Gemeinschaft ist? Und, würdest du sagen, reicht es, Mitglied zu sein, oder muss sich das auch im digitalen Raum zeigen?
10:20Katja Lewalter-Düssel
Ich würde sagen, Mitglied sein, das ist die Basis. Aber Gemeinschaft muss sich auch in fünf Jahren jeden Tag digital anfühlen, wenn das geht. Konkret will ich da mal drei Punkte anbringen, was das für mich heißt. Zum einen: Es muss in der App einen echten Mitgliedermodus geben, das heißt, wenn ich die App aufmache, werde ich als Mitglied erkannt. Ich sehe meine Vorteile, ich bekomme Mehrwerte, ich bekomme auch regionale Angebote, die eben zentral ausgespielt werden. Und so, glaube ich, wird genossenschaftlich vom Etikett zum erlebbaren Vorteil. Ein zweiter Punkt, den ich sehe, ist, dass Mitmachen möglich sein muss, und zwar ohne Hürden. Damit meine ich, eine Mitgliedschaft, die wird einfach im Neukundenprozess zur Voreinstellung. Ich habe kürzlich auch selber noch mal eine neue Mitgliedschaft bei der Bank abgeschlossen, da war das auch so. Also, der Berater hat mich auch direkt im Abschlussprozess danach gefragt. Das Ganze ist dann eben im Grunde fair, es ist transparent. Und dann weiter muss es im Alltag niederschwellige Beteiligung geben, also Möglichkeiten, sich kurz abzustimmen, Feedback-Schleifen, Einblicke, die ich haben kann, wo meine Bank dann vor Ort Wirkung stiftet. Das, glaube ich, ist die Mitbestimmung, worauf es ankommt. Also, es muss übersichtlich sein, es muss mobil sein, klare Rückmeldungen müssen möglich sein, was eben aus meiner Stimme geworden ist. Ich habe noch einen dritten Punkt, und der ist mir auch besonders wichtig, gerade in den Zeiten, wo es jetzt immer mehr auf KI geht: Digitale Nähe sollte da sein mit Menschen, die bleiben. Also, das meine ich so, dass in der App, im Chat und im Video müsste ich mein festes Service- und Beratungsteam sehen, also Namen, Gesichter, Erreichbarkeit. Und dann sind das diejenigen, die mich coachen, statt mir nur einen Katalog von Themen aufzugeben, die mir Dinge erklären. Und damit, glaube ich, haben wir gute Punkte, die dann eben Nahbarkeit zeigen. Und dieses Vertrauen, diese Transparenz und auch diese klaren Informationen, die treiben, glaube ich, dann Entscheidungen. Wir haben dann klare Leistungen, klare Prozesse. Und wenn das so ist, reicht Mitglied sein, ja, wenn eben diese Gemeinschaft im digitalen Alltag sichtbar ist, nützlich ist und ich die mitgestalten kann. Und dann wird sich Genossenschaft auch auf dem Display wie ein Wir anfühlen.
12:37Ares Abasi
Du hattest ja Vertrauen angesprochen. Stichwort KI. KI führt jetzt zu einer starken gesellschaftlichen Transformation. Und da, wo KI ihren Einsatz findet, stellen sich Verbraucher natürlich auch die Frage, wie viel kann man ihr denn Vertrauen schenken und was passiert mit meinen Daten, wie sicher bin ich im digitalen Raum? Vertrauen ist ja eines der Kernelemente einer Genossenschaftsbank und Teil der genossenschaftlichen DNA. Wo gefährden denn KI-gestützte Prozesse das Vertrauen? Und kann KI künftig vielleicht sogar Nähe schaffen statt Barrieren?
13:08Katja Lewalter-Düssel
Also, Nähe entsteht ja immer dann, wenn sich ein Mitglied verstanden fühlt. Und eine KI kann durchaus dazu beitragen, indem etwa im Hintergrund Informationen intelligent verknüpft werden, sodass ein Berater, aber auch ein Prüfer, in dem Gespräch genau weiß, wo der Kunde, das Mitglied, eben gerade Themen hat. Oder indem sie zum Beispiel digital auch kleine Impulse gibt, Warnungen, Empfehlungen, Hinweise, damit das Mitglied oder der Kunde merkt: Da ist jemand, der kümmert sich um mich. Und auch hier gilt, das passiert alles im Hintergrund. Aber weil das repetitive Aufgaben sind, ist es ja im besten Fall das so, dass dann der Berater oder der Prüfer dafür Zeit hat, was ihn wirklich befasst, sich nämlich um das Mitglied, um den Kunden vor Ort zu kümmern. Und eine Gefahr oder eine Gefährdung sehe ich immer dann, wenn jetzt KI zum Selbstzweck wird, also wenn jetzt der Kunde zum Beispiel nicht weiß, was passiert denn mit den Daten, oder wenn Entscheidungen intransparent sind, oder wenn man auch das Gefühl hat, so eine KI ersetzt jetzt hier eine menschliche Beziehung. Dann geht das Ganze nach hinten los. Aber ich glaube, die Genossenschaftsbanken haben hier ja eine ganz große Chance. Sie werden auf jeden Fall die KI so einsetzen, wie sie es eben mit allem tun: verantwortungsvoll, gemeinschaftlich und eben auch im Sinne der Mitglieder. Und das bedeutet immer: Transparenz schaffen, erklären, warum ein Prozess so ist, wie er ist, und immer klar machen: Am Ende entscheidet ja der Mensch.
14:35Ares Abasi
Um nochmal auf Konjunkturwende zurückzukommen, du hast es ja vorhin angesprochen. Ich habe noch mehr Zahlen mitgebracht: Der BVR rechnet für 2026 mit einem BIP-Wachstum von 1,0 Prozent, nach nur 0,1 Prozent 2025, und spricht von einer moderaten Konjunkturwende. Wie fließen solche Prognosen in die Jahresplanung der Genossenschaftsbanken ein, und wie sehr vertraust du auf solche Prognosen?
14:58Katja Lewalter-Düssel
Also, die Einschätzung vom BVR ist ein zentraler Kompass, genauso wie auch die von der DZ Bank. Die bündelt ja viel volkswirtschaftliche Expertise und auch die genossenschaftliche Sicht auf Deutschland, und gerade das mit Blick auf den Mittelstand und insbesondere mit Blick auf die Regionen. Und viele unserer genossenschaftlichen Institute nutzen ja diese Prognose als Ausgangspunkt für ihre Planungen. Diese konjunkturelle Entwicklung und auch das BIP-Wachstum sind für uns ein zentraler – aber das will ich auch betonen – es ist nur ein Parameter in dieser Planung. Und genauso stark fließen ganz andere und weitere strukturelle Themen ein, wie eben zum Beispiel dieser laufende Strukturwandel, den wir ja auch eben besprochen haben, also diese anhaltenden Fusionsaktivitäten der Primärbanken, genauso wie politische und regulatorische Veränderungen, das Geschäftsmodell, und die Institute haben hier nachhaltige Themen, die sie prägen. Und deswegen ist es natürlich auch so, dass sie eigene Szenarien entwickeln, also zum Beispiel mit verschiedenen Annahmen zu Wachstum, zu Zins oder auch zur Kreditnachfrage. Und für uns jetzt hier im Genoverband heißt das, dass wir diese volkswirtschaftlichen Szenarien des BVR mit einer lang- bis mittelfristigen Sicht auf Demografie, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Regulatorik verbinden, und daraus eben Empfehlungen ableiten fürs Geschäftsmodell, für Kapital- und Risikorausrichtung der Häuser. Und damit stellen wir am Ende des Tages auch sicher, dass die Mitgliedsbanken nicht nur auf die nächste Konjunkturbewegung reagieren, sondern eben strategisch über diesen Zyklus hinausgehen und gut aufgestellt sind. Das heißt also zusammenfassend, um das zu sagen, wir nutzen diese volkswirtschaftliche Expertise im Verbund, behalten aber unsere eigene Risikosicht und auch die Flexibilität in der Steuerung, die für uns ganz wichtig ist.
16:52Ares Abasi
Wir haben jetzt einige Abwärtsrisiken, die unsere Gesellschaft bewegen: geopolitische Spannungen, US-Zölle, Lieferketten. Wie sollten denn Genossenschaftsbanken mit solchen Risiken umgehen?
17:03Katja Lewalter-Düssel
Ja, die geopolitischen Spannungen, die möglichen US-Zölle und die ganze Lieferkettenthematik, die nehmen wir sehr ernst, weil sie sich ja direkt in unsere Wirtschaft und damit eben in unsere genossenschaftlichen Banken niederschlagen können. Genossenschaftsbanken haben aber gerade in diesen schwierigen Phasen ja gezeigt, dass sie eben ein verlässlicher Partner für den Mittelstand bleiben, und diese Rolle wollen wir auch in einer Konjunkturwende aktiv ausfüllen. Aus Verbandssicht, wenn ich die mal spiegeln darf, gehört dazu, dass eben die Genossenschaftsbanken ihre Portfolios ganz systematisch auf Exportabhängigkeiten, Zulieferkonzentrationen, auch politische Hotspots prüfen und dann entsprechende Branchen- und auch Klumpenlimite festlegen. Szenarioanalysen zu Zöllen, aber auch zu Sanktionen und Lieferkettenunterbrechungen sollten eben, für besonders exponierte Portfolios auf jeden Fall, regelmäßig durchgeführt und direkt auch in die Risikovorsorge und Kapitalplanung übersetzt werden, damit eben diese höhere Unsicherheit sich kontrolliert und nachvollziehbar auch in der Steuerung niederschlägt. Ähnliche Situationen hatten bzw. haben wir ja beispielsweise zur Corona-Pandemie gehabt und auch im Zusammenhang jetzt mit dem aktuellen Russland-Ukraine-Krieg. Und wenn wir in unseren Prüfungen sind, und auch in den Gesprächen mit den Häusern, dann schauen wir natürlich, ob solche Risiken im Risikomanagement, in der Geschäftsstrategie und auch in der Kundenbetreuung tatsächlich – das ist nämlich der Punkt – tatsächlich reflektiert werden, eben, indem Szenarioanalysen gemacht werden, Branchenlimite festgelegt sind, und dazu machen wir eben diese strukturierten Gespräche. Und wer eben diese geopolitischen und auch diese Lieferkettenrisiken professionell adressiert, der kann eben auch in unsicheren Zeiten stabiler Partner sein, insbesondere hier jetzt bei uns für den Mittelstand. Und genau diese Themen werden eben in unseren Prüfungen konstruktiv aufgegriffen und das adressieren wir. Das ist unser wesentliches Anliegen.
19:09Ares Abasi
Noch eine letzte Frage, Katja. Wenn du als Prüfungsvorständin schaust, woran erkennst du in einer Prüfung, ob ein Institut nicht nur regulatorisch fit ist, sondern strategisch zukunftsfähig?
19:21Katja Lewalter-Düssel
Also, Zukunftsfähigkeit zeigt sich meiner Meinung nach daran, wie souverän jetzt ein Institut einen Strukturwandel, potenzielle Fusionen und Governance, diese drei Punkte, wie gut es das miteinander verzahnt, also damit eben Veränderungen im Markt auch aktiv gestaltet, Zusammenschlüsse dann strategisch nutzt und gut führt. Was meine ich jetzt konkret zum Beispiel mit dem Thema Strukturwandel? Als Beispiel: Zukunftsfähige Häuser, die haben klares Bild, wie sich Zinsen, Wettbewerb, Digitalisierung, KI, auch Nachhaltigkeit entwickeln und insbesondere auf ihr Geschäftsmodell auswirken, und daraus leiten die dann konkrete Portfolio- und Kostenentscheidungen ab und machen nicht einfach nur weiter so. Und in der Prüfung, wenn wir dort sind, dann wird das positiv sichtbar, wenn wir eben eine Geschäftsmodellanalyse, Szenarien und Strategie eng gekoppelt sehen, und das zeigt dann, wie das Institut sein Ertragsprofil aktiv und in den Strukturwandel hinein umbaut. Das ist ja auch wichtig, dass es da entsprechend reagiert. Und wenn wir Fusionen sehen, das war ja auch eben schon mal ein Punkt, da überzeugt es, wenn eben der Zusammenschluss nicht nur bilanziell begründet wird, sondern – und das ist entscheidend – eine stringente Ausrichtung der zukünftigen Marktrolle, der zukünftigen Ertragskraft und zur Risikosteuerung – ganz entscheidend ist das – entsteht, und deswegen ist es kritisch, ob eben Governance, Risikofunktion und IT nach der Fusion tatsächlich zusammenwachsen, was ganz, ganz entscheidend ist, und damit eben die Komplexität beherrschbar bleibt, oder ob da Bruchstellen entstehen und Kontroll- und Entscheidungsprozesse doppelt geschaffen werden. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Und vielleicht zum Abschluss auch noch zwei, drei Worte zu meinem wesentlichen Teil Governance: Zukunftsfähige Governance nach den Erfahrungen auch jetzt der Vergangenheit heißt für mich, es ist ein Leitungsgremium, dass – und das will ich nochmal ganz besonders betonen – als Team strategisch denkt, strukturelle Risiken dann zusammen früh erkennt und eben Geschäftsmodellrisiken genauso ernst nimmt wie eben klassische Markt- und Kreditrisiken. Und in den Prüfungen zeigt sich dann die Qualität daran, dass Rollen, Ausschüsse und Entscheidungswege klar sind. Interessenskonflikte werden adressiert und die Governance ist wie ein Rückgrat, das eben Strategie, Risiko und Regulatorik dauerhaft zusammenhält.
21:52Ares Abasi
Vielen Dank, liebe Katja, dass du heute bei uns zu Gast warst und vor allem für deine Einblicke und Impulse. Ich hoffe, dass wir mal wieder eine Folge zusammen aufnehmen und vielleicht bis zum nächsten Mal.
22:01Katja Lewalter-Düssel
Ja, danke schön. Hat mir sehr viel Spaß gemacht. Bis bald.
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